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 Fokus: "Neue Rechte" - das Konzept der Konservativen Revolution

 

Veranstaltungsreihe „Fokus: Neue Rechte” von Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage am 11. Mai in Halle.

 

Konservative Revolution, das klingt zunächst einmal wie ein Widerspruch in sich. Und wirklich publik war diese Begriffspaarung bis vor kurzem noch nicht. Noch Anfang der 70er Jahre sei sie so gut wie unbekannt gewesen und habe folglich auch keine Rolle gespielt, so Volkmar Wölk, der als Fachmann für das Thema rechte Ideologien zur Veranstaltung geladen war. Der Autor, unter anderem Redaktionsmitglied des antifaschistischen Magazins „Der Rechte Rand” und Mitherausgeber der „Antifaschistischen Nachrichten”, ordnet die Konservative Revolution historisch als politische Bewegung von demokratiefeindlichen Intellektuellen nationaler Gesinnung in der Zeit der Weimarer Republik ein. Er macht klar, dass es nicht das Konzept gebe, und auch nicht die Konservative Revolution, und um eine wirkliche Bewegung im Sinne einer Mobilisierung der Massen habe es sich auch nicht gehandelt. Vielmehr sei der Begriff geschaffen worden um unterschiedliche Strömungen der extremen Rechten, die sich ideologisch meist näher am italienischen Faschismus als am deutschen Nationalsozialismus bewegten, zu beschreiben. Viele hätten sich bis heute an einzelnen Schriften bedient, ohne sie sich ganz zu eigen zu machen.

 

Die Krise als Wegbereiterin von Ideologien und Bewegungen

 

Die Ideen dieser Denkbewegung entstanden in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, in der krisenhaften Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Demokratisierung nach Ende des Ersten Weltkrieges habe damals in rechtskonservativen Kreisen als „Ausdruck des Chaos” gegolten. In solchen Krisenzeiten hätten politische Ideen bzw. Bewegungen in der Regel ohnehin Hochkonjunktur. Sie schöpften ihre Kraft aus einem krisenhaften Problem, bzw. einem Zustand, der als krisenhaft erlebt wird, und wollen dagegen ins Feld ziehen. Die Betonung liegt hier darauf, dass etwas subjektiv als krisenhaft wahrgenommen wird, ohne dass es dafür unbedingt eine objektive Entsprechung geben muss.

 

Eine Vorstellung von Krise strebe, so Wölk, immer auf eine Lösung hin, eine „Notwende”, also eine Abwendung von der (heraufbeschworenen) Not. Dabei gebe es nach der Ideologie der Konservativen Revolution nur zwei Alternativen: Untergang oder Rettung bzw. – mit religiösem Einschlag – „Erlösung”. „Wenn wir nicht siegen, dann ist dies der Untergang”, sei eine verbreitete Parole dieser Denkrichtung. Diesem Untergang, dem drohenden Chaos, stellen die Ideologen der Konservativen Revolution die „Kräfte der Ordnung” entgegen.

 

Als Beispiel für die Wirkmacht von krisenabhängiger Ideologiekonjunktur in der jüngeren deutschen Geschichte führt Wölk die Partei „Die Grünen” an. Diese hätten zu ihrer Entstehungszeit mit der wahrgenommenen Umweltkrise – Waldsterben, Verseuchung, Verstrahlung – ein Thema besetzt, das bis dato politisch brach lag. Und auch die heutige „Neue Rechte” sei in ihrer gesamten Breite ebenfalls aus aktuellen Krisenvorstellungen geboren.

 

Schlagworte der Konservativen Revolution

 

Als einer der Chefideologen des Konzeptes der Konservativen Revolution gilt der Schweizer Publizist Armin Mohler (1920-2003), aus dessen Dissertation von 1949 das bis heute fortgeführte Handbuch „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932” hervorgegangen ist. Mittlerweile liegt das Werk in den Händen von Karlheinz Weißmann, einem der heutigen Wortführer der Konservativen Revolution und Neuen Rechten, bekannt auch als Autor der Jungen Freiheit – Wölk: „das inoffizielle Organ des Petry-Flügels der AfD“ – und Mitbegründer des neurechten Instituts für Staatspolitik (IfS) sowie langjähriger Redakteur der vom IfS herausgegebenen Zeitschrift Sezession.

 

Laut Wölk versteht Mohler die Konservative Revolution als eine Art Konterrevolution. Sie greife die aus der Französischen Revolution sowie der Aufklärung hervorgegangenen liberalen Werte – Freiheit, Gleichheit, Solidarität – an. Sie richte sich gegen den gesellschaftlichen Fortschritt bzw. „die Moderne”, zu ihrer Entstehungszeit also industrielle Massengesellschaft und das Primat des Marktes. Neben ihrer fortschrittsfeindlichen Haltung sei die Konservative Revolution aber gleichzeitig revolutionär: Sie glaube nicht daran, die Vergangenheit (bspw. die Monarchie) wiederherstellen zu können, sie suche als „Kritik der Moderne mit den Mitteln der Moderne” nach einer neuen (antidemokratischen, autoritären) Herrschaftsform.

 

Die Konservative Revolution könne, so Wölk, somit als offensives Konzept einer gesellschaftlichen Transformation verstanden werden – als Feindbilder dienen die parlamentarische Demokratie (als „Ausdruck des Chaos”) und deren geistige Grundlage, der Liberalismus (im Sinne der Ideale der Französischen Revolution sowie der Ideen der europäischen Aufklärung). Ziel der Transformation sei eine Ständegesellschaft, in der jedes einzelne Individuum einen ihm vorbestimmten Platz hat. Kapitalismus und Kommunismus gelte es im sogenannten „Dritten Weg” eines „Nationalen Sozialismus” zu überwinden. Träger dieser Transformation sei der „deutsche Volkskörper” als eine Art „Volkseinheit”. Völkisches Denken als positiver Bezug und Antiliberalismus als Feindbildpflege gehören somit untrennbar zum Konzept. Im Ergebnis stünde eine antipluralistische und antidemokratische Gesellschaft mit diktatorischer Staatskonzeption – zwar nicht mehr unbedingt ein starker Kaiser oder Führer, aber heute eben bspw. ein starker Präsident mit weitreichenden Vollmachten am Parlament vorbei.

 

Wo geht die Reise hin?

 

Die Volkseinheit als Grundlage für eine gesellschaftliche Transformation von Rechts. Sei die frühere AfD laut Wölk mit ihrer neoliberalen Programmatik für diese Ideologie noch unbrauchbar gewesen – der neoliberale Geist wirke ja eher auf eine Spaltung der Gesellschaft und damit auf „Chaos“ hin –, so sehe dies heute anders aus. Der neoliberale Flügel der Partei hat mit dem Abgang von Lucke eine schwere Niederlage einstecken müssen, wenngleich seine Ideen sich bis heute in der Programmatik der AfD wiederfinden.

 

Bewegungen wie PEGIDA und Co., die Identitären und eben immer mehr auch die AfD selbst können ohne das Wirken der Anhänger der Konservativen Revolution, deren publizistische Tätigkeiten in letzter Zeit deutlich zugenommen hätten, nicht verstanden werden. So gehe laut Wölk der Allgemeingeist der neurechten Bewegung auf diese Denkströmung zurück. Multipliziert durch aktuelle Publikationen flössen die Ideen in die Bewegung ein um sich dort weiter zu verfestigen. Wölk verweist hier auf die Zusammenarbeit der neurechten AfD-nahen Denkfabrik IfS mit dem Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer. Zudem sieht er eine Annäherung zu PEGIDA – „die Entsprechung der AfD auf der Straße“ – und den sogenannten Montagsmahnwachen. In Erfurt gab es am 18. Mai nun auch erstmals offiziell den Schulterschluss zwischen AfD und PEGIDA auf einer Demo gegen den Neubau einer Moschee.

 

Letztlich finden sich auch in den Äußerungen aus dem ungehemmt immer weiter nach rechts strebenden Höcke-Flügel der AfD ideologische Spuren, die eindeutige Parallelen zum Konzept der Konservativen Revolution aufweisen (zur Ideologie von Björn Höcke sei an dieser Stelle die Expertise von Andreas Kemper empfohlen): bspw. dann, wenn ein drohender Bürgerkrieg heraufbeschworen wird und sich die AfD in trauter Eintracht mit PEGIDA als letzte Chance gegen das drohende Chaos – den Untergang des Abendlandes – inszeniert.

 

Wölk warnt schließlich davor, dass aus diesen Phantasien Realität werden können: Die deutsche Gesellschaft sehe sich das erste Mal in ihrer Nachkriegsgeschichte mit einer breiten und unberechenbaren Bewegung von Rechts mit einem immer stärker werdenden parlamentarischen Arm konfrontiert. Die Konzepte der Konservativen Revolution fänden dabei nun im Angesicht einer kollektiv empfunden Krise das Publikum, „um zur materiellen Gewalt werden zu können“. Dabei gehe es nicht unbedingt um die Schaffung neuer sozialer Verhältnisse, auch wenn dies als Deckmantel gerne genutzt wird. Sondern es gehe um die Schaffung einer anderen, autoritären Gesellschaft mit entsprechendem politischem System und Bündnispartnern in ganz Europa. Den Ausgangspunkt für jede Gegenstrategie sieht Wölk im Kampf für die drei Ideale: Freiheit, Gleichheit, Solidarität.

Zum Corax-Interview mit Volkmar Wölk:
http://www.freie-radios.net/77043